Metadaten







Promotionsordnung


PromO07

Kumulative Dissertation


nein

Titel


Organizational creativity as taste-making - towards a pragmatics of contemporary dance theater production

Titel (englisch)



Autor/Autorin


Müller, Björn

2. Autor/Autorin



Geburtsdatum


24.04.1978

Geburtsort


Köln

Matrikelnummer


09601832

Schlagwörter (GND)


Kreativität; Organisation; Ethnologie; Tanztheater; Praxis; Geschmack; Affekt; Ästhetik; Aufführung

DDC (Dewey Decimal Classification)


Philosophie und Psychologie - 100

Freie Stichwörter (deutsch)


Organisationale Kreativität; Zeitgenössisches Tanztheater; Ethnographie; Performance; Praxistheorie; Bedeutung

Freie Stichwörter (englisch)


organizational creativity; ethnography; contemporary dance theater; practice theory; performance; taste; sensemaking; affect; aesthetics

Kurzfassung


Diese Arbeit ist eine empirische Studie zur Produktion von Zeitgenössischem Tanztheater (ZTT) und versteht sich als Beitrag zur organisationalen Kreativitätsforschung (OKF). Zu Beginn dieser Arbeit stand die Annahme, dass die OKF zwar offensichtlich im Aufschwung begriffen ist, dabei aber paradigmatische und ideologische Grundannahmen perpetuiert, die oftmals Kreativität von der Praxis trennen. Eine genealogische Herangehensweise zeigte dass es vor allem der vorherrschende ontologische und methodologische Individualismus der OKF ist, der es erschwert oder sogar verunmöglicht a) organisationale Kreativität als relationales, prozesshaftes und grundlegend verkörpertes und affektives Phänomen zu verstehen, und b) die grundlegende Frage nach der Bedingung des Neuen und der Kreativität an sich zu stellen.
Das übergeordnete Ziel dieser Arbeit war daher, Kreativität als fruchtbare Kategorie sozialer und organisationaler Analysen zu reklamieren. Dies sollte durch die Beforschung und Konzeptualisierung von Kreativität auf der Ebene konkreter Arbeits- und Produktionsprozesse gelingen. Kreativität wurde in dieser Arbeit als Praxis der performativen Sinnerzeugung definiert. Der spezifische Fokus lag dabei auf der momenthaften, affektgetriebenen Auseinandersetzung von erfahrenen Körpern mit kulturell bedeutsamen Materialien. Hieraus entwickelte ich ein analytisches Konzept von Kreativität als Geschmacksbildungsprozess. Verstanden als "Geschmacksfrage", wurde Kreativität hierdurch zu einer problematischen Bindungsmodalität. Die Grundannahme lautete dass Kreativität, ähnlich wie die Phänomene "Geschmack" oder "Leidenschaft", sich nur im Rahmen von relationalen Prozessen ko-konstituierender, "offener Subjekte und Objekte" verstehen lassen würde. Das Verständnis von Kreativität als Geschmacksbildungsprozess ermöglichte dann die in diesem relationalen Gefüge entstehenden Kräfte - bewahrend, entwickelnd und transformierend - in den Blick zu nehmen.
Dieser konzeptionelle Rahmen prägte die Entwicklung einer prozessorientierten Methodologie. Das Forschungsdesign einer kontextualisierten und vergleichenden Fallstudie wurde hierbei umgesetzt durch die Methodik der multi-lokalen und fokussierten, organisationalen Kamera-Ethnographie. Die empirische Studie ermöglichte erstens eine Spezifizierung von kreativer Praxis in Bezug auf ihre "Ökologie." Hierbei unterschied ich zwischen (a) dem tatsächlichen Material kreativer ZTT Praxis, bestehend aus einverleibten Bewegungsrepertoires sowie aus biographischer Fülle und kultureller Bewandertheit; (b) den unterschiedlichen, die Praxis ermöglichenden "Plug-ins" - von Heuristiken über Vorrichtungen und Technologien zum Zirkulationsmechanismus der sprachlichen Auseinandersetzung über Geschmacksfragen; und (c), dem affektiven und normativ-ästhetischen Milieu des Kollektivs der Praktizierenden. Diese Elemente wurden als Teile einer experimentellen Apparatur beschrieben, eines kollektiven Versuchsaufbaus einer Performance- und Ereignisökologie, welche poetische Praktiken und deren Ereignisse hervorbringt. Zweitens ermöglichte die Studie eine Differenzierung der ZTT Produktionen, nun verstanden als zunehmender Qualifikationsprozess einer Performance. Charakterisiert durch eine spezifische "Fieberkurve" von Bindung und Ablösung, wurden ZTT Produktionen dabei in den Formaten der Forschung, des Assemblierens und des Gerüstbauens realisiert. Durch eine detaillierte Analyse der spezifischen Praktiken dieser Formate konnte die Verbindung von experimentellen und festschreibenden Modi der Geschmacksbildung herausgearbeitet werden. Diese Ergebnisse wurden dann zusammengefasst in propositionalen Modellen. Hierbei wurden die geschmacksbildenden Modi abstrahiert, die von drei verschiedenen reziproken Verhältnissen bestimmt waren: (a) zwischen immanenten und expliziten, (b) zwischen prospektiven und retrospektiven und (c) zwischen erfinderischen und Sinn wiederherstellenden Formen der Geschmacksbildung.
Zusammengenommen tragen die Ergebnisse dieser Studie auf vierfache Weise zu einem erweiterten Verständnis von organisationaler Kreativität in ihrer 1) zeitlichen und prozesshaften, 2) räumlichen und kollektiven, 3) grundlegend affektiven und 4) politischen Dimension bei. Die Studie demonstriert damit die Fruchtbarkeit eines praxistheoretischen Verständnisses von organisationaler Kreativität auf der Grundlage einer pragmatischen Konzeption von Geschmacksbildungsprozessen. Damit legt die Studie eine auf Kreativität als Praxis begründete Kreativitätsforschungsagenda nahe. Allgemeiner gefasst entwickelt diese Studie ein Rahmenwerk kreativer Praxis, welches nicht die Bestandteile an sich sondern den ontologischen und epistemologischen Status seiner Bestandteile thematisiert. Damit liefert sie ein modellhaftes Rahmenwerk und analytische Konzepte die für die praktischen und alltäglichen Geschehnisse kreativer Praxis sensibilisieren. Dies, so suggeriert diese Arbeit, kann zu erstaunlichen Überraschungen führen.

Kurzfassung (englisch)


In this thesis, I sought to contribute to organizational creativity research by empirically studying the collective production of Contemporary Dance Theater (CDT). I began with suggesting that the literature domain of organizational creativity, while a burgeoning academic field, is perpetuating paradigmatic and ideological assumptions that often separate creativity from practice. It is the prevailing ontological and methodological individualism of most organizational creativity research that brings about conceptual and methodological quandaries when seeking to account for (a) organizational creativity as a relational, processual and thoroughly embodied and affective affair, and (b) the basic question of how novelty and creativity are possible.
The overall aim of this thesis was therefore to reclaim creativity as a prolific category of social and organizational thought by exploring it within the holistic process of actual work. For this, I studied creativity as a form of practice and enactive sensemaking within the richness of the moment-to-moment, affective engagement of experienced bodies with culturally meaningful materials. From a perspective of creative practice, this meant turning creativity into a problematic modality of attachment and thus a matter of taste. Framing creativity in terms of a pragmatic conception of taste-making then allowed me to account for the performativity of relational becomings that conserve as well as refine and transform sensibilities and materials. This meant granting the materials of practice their own agencies, as well as endowing the practitioner with "passion," a specific skill set of active sensibilities that allows one to follow and intervene in the flow of materials.
Seeking to enact these conceptual formations through an empirical study of CDT production, I based this study on a multi-sited and focused organizational video-ethnography within a comparative, embedded case design. I thereby developed a methodology that attempted to "follow forward" the creative process and sought to produce rich and suggestive descriptions of the creative practice and its processes within CDT while developing theoretical propositions alongside the empirical material.
First, the empirical study detailed creative practice in terms of its ecology. I distinguished between (a) the actual material of creative practice, which consists of incorporated motion repertoires as well as biographical and cultural proficiency; (b) the various practice carriers (plug-ins) - from social techniques, over performative theories, devices, and the conduit of "taste talk" to the enactment of material in productive articulations - that enable creative practice through forging skilled bodies; and (c) the affective and "normaesthetic" milieu of creative practice that is constituted by the community of practitioners. Together, these elements were described as forming an experimental apparatus, or a collective set-up of a performance and event ecology that harbors poetic practices and their occasions. Second, this study specified the process of CDT production as an incremental qualification of a performance. Marked by a peculiar "fever curve" of attachments and detachments, CDT production was described as being affected within the formats of researching, assembling and scaffolding. A detailed analysis of the various practices of these formats revealed a nexus of experimental and codifying modes of taste-making. The findings were integrated within propositional models that specified the modes of taste-making as revolving around three central reciprocal relationships: (a) between immanent and explicit, (b) between prospective and retrospective and (c) between inventive and restorative forms of taste-making.
Overall, this study expands our understanding of organizational creativity by showing that creativity is 1) temporalized and processualized, 2) spatialized and collectivized, 3) grounded in affect and 4) politicized. It demonstrates the prolificacy of a practice-based framework of organizational creativity that is rooted in a pragmatic conception of taste-making and suggests that such a framing could open up creativity-as-practice as a stimulating research agenda. On a more general level, this study develops a framework of creative practice that concerns the status of its elements. It provides an "infra-language" or theory that seeks not to represent, systematically and from the outside, but to provide the sensibilities to explore organizational creativity from up-close - which can, as this study suggests, bear remarkable surprises.

Universität


Universität St.Gallen

Referent/Referentin


Steyaert, Chris (Prof. Dr.)

Korreferent/Korreferentin


Weiskopf, Richard (Prof. Dr.)

Erweitertes Diss. Komitee



Fachgebiet


Organisation und Kultur (DOK)

Sprache


ENG

Promotionstermin (dd.mm.yyyy)


14.09.2015

Erstellungsjahr (yyyy)


2015

Dokumentart


Dissertation

Format


PDF

Dissertationsnummer


4441

Quelle



PDF-File


dis4441.pdf

Dokumentverknüpfung


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letzte Änderung: 08/13/2015 - Allgemeine rechtliche Informationen - Datenschutz [ Nach oben ]