Metadaten







Promotionsordnung


PromO07

Kumulative Dissertation


nein

Titel


Arbeit am Kranken : Aushandlung von Arbeits(un)fähigkeit in der Arbeitsintegration

Titel (englisch)


Working on the ill : negotiation of (dis)ability in work (re)integration

Autor/Autorin


Koch, Martina

2. Autor/Autorin



Geburtsdatum


16.05.1980

Geburtsort


Basel

Matrikelnummer


00053439

Schlagwörter (GND)


Schweiz; Berufliche Integration; Arbeitsunfähiger

DDC (Dewey Decimal Classification)


Soziale Probleme, Wohlfahrt - 360

Freie Stichwörter (deutsch)


Arbeits(un)fähigkeit; Erwerbslosigkeit; Arbeitslosigkeit; Arbeitsmarktintegration; Aktivierung; Ethnografie

Freie Stichwörter (englisch)


(In)capacity for work; (dis)ability; unemployment; work (re)integration; activating welfare state; ethnography

Kurzfassung


Wie die meisten OECD-Länder forciert auch die Schweiz zunehmend die Arbeits(re)integration von gesundheitlich beeinträchtigten Menschen. Anhand einer Ethnographie in zwei kantonalen Arbeitsintegrationsagenturen geht diese Studie der Frage nach, wie die untersuchten Institutionen die Arbeits(un)fähigkeit ihrer KlientInnen konstruieren und bearbeiten. Konzepte von Gesundheit und Krankheit ebenso wie von Arbeits- und Leistungsfähigkeit sind historisch, gesellschaftlich und kulturell wandelbar. Im Anschluss daran wird gefragt: Wie wird Arbeits(un)fähigkeit in den zwei untersuchten Institutionen der Arbeitsintegration sicht- und wahrnehmbar gemacht und problematisiert? Wie werden gesundheitlich eingeschränkte "Fälle" ausgehandelt und welche Strategien und Praktiken werden zu ihrer Bearbeitung angewendet? Welche institutionellen und politischen Logiken sind diesbezüglich auszumachen?
Die Strategien der Integrationsagenturen zielen auf die (Wieder-)Herstellung der "Employability" der KlientInnen. Dadurch werden Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen in der Arbeitsintegration doppelt aktiviert: einerseits hinsichtlich ihrer Erwerbslosigkeit und andererseits hinsichtlich ihrer Gesundheitsprobleme. Gemäß der Logik der Aktivierung verlangen beide "Handicaps" von den Betroffenen einen individuellen Einsatz zu ihrer Bewältigung. Gesundheitlich eingeschränkte Erwerbslose sind mitunter dem Verdacht ausgesetzt, nicht arbeiten zu wollen. Das führt dazu, dass die betroffenen Menschen sowohl ihren Arbeitswillen als auch ihren Genesungswillen unter Beweis stellen müssen. Hierin findet sich eine (doppelte) Responsibilisierung von Arbeits(un)fähigkeit.
In der doppelten Aktivierung werden Erwerbslose mit Gesundheitsproblemen also "gefordert". "Gefördert" werden hingegen vor allem jene mit guter Gesundheit: In Weiterbildungen investieren die Arbeitsintegrationsagenturen entsprechend der Logik des investierenden Sozialstaats eher bei gesunden KlientInnen. Gesundheit wird demzufolge zu einem Selektionskriterium, wenn es um "Sozialinvestitionen" ins "Humankapital" der KlientInnen geht. Und wo die doppelte Aktivierung an ihre Grenzen stößt, das heißt, wo sich die KlientInnen - beispielsweise aufgrund ihrer gesundheitlichen Einschränkungen - als "nicht aktivierbar" entpuppen, werden die Fallprozesse in den Institutionen der Arbeitsintegration in der Regel rasch beendet. Gesundheitliche Beeinträchtigungen werden so mitunter zu beruflichen Einschränkungen und führen dadurch zu beruflichen und sozialen Ausschlüssen, wodurch soziale Positionen festgeschrieben werden. Diese De-Aktivierung hinsichtlich der Erwerbslosigkeit bedeutet für die betroffenen KlientInnen nicht selten eine Prekarisierung ihrer Situation.
Die "Arbeit am Kranken" wird in der Arbeitsintegration zu einem Teil den Betroffenen aufgebürdet. Diesbezüglich kann von der (doppelten) Aktivierung als einer Form "symbolischer Gewalt" gesprochen werden: Gesundheit und Beschäftigungsfähigkeit werden auch von jenen abverlangt und als gesellschaftliche Werte anerkannt, die selbst von gesundheitlicher Ungleichheit betroffen sind. Dadurch werden Ungleichheitsverhältnisse verkannt und reproduziert.

Kurzfassung (englisch)


As in most OECD countries, Switzerland too is increasingly forcing the work (re)integration of individuals with health restrictions. On the basis of an ethnography of two cantonal work integration agencies, this study looks at how the institutions under scrutiny construct and deal with the (in)capacity for work of their clients. Concepts of health and illness as well as of the (in)capacity for work are historically, socially and culturally contingent. Subsequently, the study addresses the question of how the (in)capacity for work is made visible and perceivable and how it is problematized in the two institutions. How are "cases" of health restrictions negotiated, and which strategies and practices are implemented to this purpose? Which institutional and political logic can be discerned in this regard?
The strategies of the integration agencies aim at (re)production of the "employability" of their clients. People with health restrictions therefore are doubly activated in the field of work integration: on the one hand with regard to their status as unemployed and on the other with regard to their health issues. According to the logic of activation, each of these "handicaps" requires a separate and specific exertion by the concerned individual in order to be overcome. Unemployed individuals with health restrictions are sometimes suspected of being unwilling to work. As a result the individuals concerned are expected to prove both their will to work and their will to recover. Herein lies a (double) responsibilisation of (in)capacity for work.
In double activation the unemployed with health issues are challenged, whereas supported are usually those who are in good health: Following the logic of the investing welfare state, work integration agencies tend to only invest in training for their healthy clients. Health in this way becomes a selection criterion when it comes to "social investments" in "human capital" of clients. And where double activation reaches its limits, that is to say where clients - due, for example, to health restrictions - turn out not to be activatable, the case processes in the institutions of work integration tend to be closed rather quickly. This leads to health restrictions turning into occupational restrictions, thereby turning into occupational and social exclusion, whereby social positions become fixed. This de-activation with regard to their unemployment often leads to a precarisation of the clients' situation.
The "work on the ill" mostly becomes the burden of the individual concerned. In this sense one can speak of double activation as a kind of "symbolic violence": Health and employability are acknowledged as social values and are expected of those who themselves are affected by health inequality. In this way, unequal conditions are ignored and reproduced.

Universität


Universität St.Gallen

Referent/Referentin


Schultheis, Franz (Prof. Dr.)

Korreferent/Korreferentin


Maeder, Christoph (Prof. Dr.)

Erweitertes Diss. Komitee



Fachgebiet


Organisation und Kultur (DOK)

Sprache


GER

Promotionstermin (dd.mm.yyyy)


15.09.2014

Erstellungsjahr (yyyy)


2014

Dokumentart


Dissertation

Format


PDF

Dissertationsnummer


4285

Quelle



PDF-File


dis4285.pdf

Dokumentverknüpfung


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letzte Änderung: 09/20/2016 - Allgemeine rechtliche Informationen - Datenschutz [ Nach oben ]